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Dietrich Pietsch

Marokkanische Fragmente


 

 

Die Nacht in Imilchil

 

In der Stadt der verkauften Bräute

Wache ich in deinen Armen auf

Wir hören das Klopfen

Des Kupferschmieds

Wie ein eisernes Herz

Kakerlaken kriechen

Über das Laken

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

Erwachen

 

Der neue Tag kriecht

durchs Fenster

Dein Gesicht

sanft und weich

im Morgenlicht

In deinen Augen

ein Zwinkern

ein Flackern

und später

ein Lodern

an dem ich mir

den ersten Joint

anzünde

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

Weihnachten in Agadir

 

Das Silberpapier der Zigarettenschachtel

In schmale Streifen geschnitten

Ein Orangenbäumchen geschmückt

An der Decke das Surren des Ventilators

Und an meinem Ohr Eves Lippen

Zärtliche Worte in einer fremden Sprache

Augenblicke, die mich hinüberretten

 

   

 

 

 

 


 

 

 

   

In der Hitze

verbiegt sich

der Horizont

kleine Steinhaufen

als Markierung

wie weit noch

ich sehne mich

nach der Kühle

der Nacht und 

deinen Lippen

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

Im Souk von Kenifra

 

Das Amulett

An deinem Hals

sollte dich

vor dem bösen Blick bewahren

Doch als abends

das fauchende Licht

der Gaslaterne

Auf Fatimas Hand fiel

zog es die Blicke

der Männer auf sich

   

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

Siehst du den Skorpion

In meiner Hand

Leben und Tod

So nahe

Gib mir einen Kuss

Damit ich weiß

Wohin ich gehöre

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

Die Hure vom Mekmes

 

Wie zählst du

In Arabisch

oder Französisch

Wie weit hast du

schon gezählt

Du solltest nicht

die Lippen bewegen

wenn wir uns lieben

 

 

 

   

 

 


 

 

 

 

 

 

 

Am Tizi-n-Test-Pass

 

Die Nacht schleicht

mit verhaltener Bläue

über die Kämme

In der Kälte

klammern wir uns

an das erste Glimmen

der Sterne

 

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

Entfernung

 

Aus der Nacht

die letzten Zeichen

im Wind

Cola-Dosen an Fäden

Ein Scheppern

und Klirren

und Flüstern.

Und die zuckende

Neonröhre

wirft ihr kaltes Licht

in dein Gesicht

das plötzlich so still

so fremd

so fern

Wo sind

deine Gedanken

Eile mir nicht davon

Nimm mich mit

auf die Straße

der Kasbahs

zu den wilden Träumen

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

Treppen zur Kasbah

 

Lass uns die 

Zärtlichkeit entdecken

und uns die Treppen

auf und ab gehen

behutsam

damit wir sie

nicht zerstören

 

 

 

 

   

 


 

 

 

 

 

   

Rastlos

 

Kein Stillstand, kein Rasten

Mehr Irren als Suchen

Die Hitze, den Durst

Den Wind verfluchen

Weiter nach Osten hasten

 

Ich kann dich nicht halten

In Blindheit folg ich dir

Dem zottigen Bär

Der haltlosen Gier

Wo wirst du innehalten  

   

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

Von weiten sah sie aus

wie ein struppiger Vogel

mit dem Brennmaterial

auf dem Rücken

Im Vorübergehen

ein Lachen

aus zahnlosem Mund

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

Eine Nacht im Auto

 

Jinoun bewahre uns

Vor den turbulenten Gestalten

Die Nachts aus dem Rückspiegel kriechen

Unsere Gesten, Farben und Formen nachahmen

Und sich einschleichen in unsere Welt

Von der wir nicht wissen

Auf welcher Seite des Spiegels sie steht

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

   

Tinerhir

 

In der Medina

Licht und Schatten

tausendfach

wie Taumel

durch Strohmatten und Wolle

blau und rot

auf den staubigen Boden

geworfen

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

Freiheit

 

 

In einem Käfig

im Souk von Mijek

ängstlich verschreckt

ein goldgelber Fennek

den du freikaufen wolltest

 

Und in der Nacht

rannen Tränen

aus traurigen Träumen

über dein Gesicht  

Ich legte mein Herz

ganz nahe an deines

und für kurze Zeit

wähnten wir drei uns

in goldgelber Freiheit

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

Abschied

 

Dein Auto hustet davon

in die gelbe Nacht

ein letztes Winken

Staub und noch mehr Staub

die Kante des Horizonts vergilbt

nur Staub

zurück bleib ich

in unnützer Ruhe

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

Die Eidechse

 

Im Schatten der Steine

Glitt eine Eidechse

Über meine Hand

Sanft und leicht

Wie eine Feder

Eidechsen bringen Glück

Sagtest du lachend

Und als in der Nacht

Deine Lippen

Über mein Gesicht glitten

Fühlte ich das Glück

Sanft und leicht

Wie eine Feder

Warum schläfst du

Unter den Steinen

Kleine Eidechse

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

Schamlos

 

An einem wackeligen Tisch

Tranken wir Pfefferminztee

Zerlumpte Kinder

Am Straßenrand

Denen Touristen

Aus einem Reisebus

Bunte Bonbons zuwarfen

Wie den Enten

Zuhause im Stadtpark

Die Brotkrumen

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

Der Stein

 

 

Endlose Stunden

In Staub und Hitze

Flimmernde Eintönigkeit

Gegen den Durst

Ein kleiner Stein im Mund

Den ich später

Unter den Sternen

In deinen Nabel legte

 

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

Die Nacht wandert dem Tage zu

in trotziger Kälte dimmt sie

die letzten Sterne

Schon singt der Sand

im Wüstenton

Zwei Stunden noch

dann werden wir

wieder stöhnen

in der trockenen Glut

 

   

 

 

 

   

 

 


 

 

 

 

 

 

Silbertag

 

Wir streiten uns

wegen einer Lappalie.

Seit heute Mittag Schweigen.

Selbst die Flüche unterdrücke ich,

die ich sonst wegen der Schlaglöcher

pausenlos herausspucken würde.

Du starrst zum Seitenfenster hinaus,

als ob es etwas Interessantes zu sehen gäbe.

Und dann am späten Nachmittag

kriecht deine Hand unter mein verschwitztes Hemd.

Ich bremse, dass die Reifen im Sand fauchen.

Wir steigen aus und setzen uns in den Schatten des Wagens.

Ein Tag wie eine Silbermünze. Ich hätte sie früher polieren sollen.

   

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

Am Horizont

Schweben

Vermummte Gestalten

Waghalsig

In flirrender Luft

Laufen geschäftig

Als suchten sie

Am Strand

Krebse und Muscheln

Nach Stunden

Verschlingt sie

das gleißende Licht

   

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

Am Flughafen

 

Neben dir

Auf dem Boden

Dein schäbiger Koffer

Von dem du dich

Nie trennen würdest

Lautsprecherdurchsagen

Verschwitztes Gedränge

Sprachengewirr

Deine Komplimente

Wie gut mir  

der neue Anzug stehe

Und ich dachte

Viel lieber wär ich

Dein schäbiger Koffer

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

Die Hitze. Das Fieber

Die klappernden Schritte

Die Nachtschwester

Dein Gesicht

Für ein paar Minuten ganz klar

Deine Hand in meiner

Öffne das Fenster

Die Nacht bringt Kühle

Wo sind deine Augen

Es ist Mittag 
sagst du

Bist du noch da

Deine

Stimme

so

fern

 

   

 


 

 

 

Meine Liebe

 

Man soll mich

neben dir begraben

im Zedernwald

von Ifrane

damit du

wenn du vorübereilst

mir einen Kuss

zuwerfen kannst

 

 

 

 

 

 

 


 

 

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