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Dietrich Pietsch

Forelle fliegend

 

Sie lag auf meiner Couch mit einer Forelle auf der Stirn. Eine Regenbogenforelle. Etwa 27 Zentimeter lang. Mit kleinen roten Punkten an der Seite. Mit der linken Hand hielt sie sich die Haare aus der Stirn, damit sie mit dem Fisch nicht in Berührung kamen. Ich saß ihr gegenüber im Sessel. Etwas hilflos. Ich wusste nicht, was ich noch für sie hätte tun können. Mit dem Zeigefinger der rechten Hand verhinderte sie ein Abgleiten des Fisches. Zugegeben, das sah schon seltsam aus. Aber ich lachte nicht. Selbst ein Schmunzeln verkniff ich mir. Die Situation war durchaus ernst. Fast gespannt. Anhaltendes Schweigen hatte sich breitgemacht. 

Die Stille machte mir zu schaffen. Ich fragte sie, ob sie Lust hätte, das Forellenquintett von Schubert zu hören. Sie wollte keine Musik. Nein, sie hatte nichts gesagt. Aber ihr Blick war Antwort genug. Gern hätte ich etwas Tröstliches von mir gegeben. Irgendwas Nettes. Aber in dieser Situation - wie sollte ich da die richtigen Worte finden?

Die Forelle steht dir, meinte ich schließlich. Damit war ich wohl zu weit gegangen. Ihr Blick! Nein, ich werde ihn nicht vergessen. Sie nahm die Forelle in die rechte Hand, richtete sich auf und warf den Fisch mit aller Kraft in meine Richtung. Der Fisch war vermutlich schon etliche Tausend Kilometer geschwommen, während der Laichzeit auch gewandert. Jetzt flog er auch noch. Die Forelle verfehlte nur knapp mein Ohr, flog weiter Richtung Schrank. Die obere Tür des Schranks stand noch offen. Ein gefrorener Fisch hat eine erstaunliche Durchschlagskraft. Er zerschmetterte dort vier Sektgläser und eine Porzellanvase. Ich dachte noch: Mein Gott, wenn sie mich getroffen hätte. Nicht auszudenken. Das hätte ins Auge gehen können. Dabei - die Gläser waren ziemlich teuer gewesen.

Alles nur weil die obere Schranktür offen gestanden war. Sie hatte unten in der Schublade nach Servietten gesucht, beim Aufrichten nicht mehr daran gedacht, dass die Tür nicht geschlossen war und sich an der Stirn gestoßen. So entstand eine kleine Beule, die sie mit Eis behandeln wollte. Ich hatte aber kein Eis. Nur die gefrorene Forelle, die jetzt im obersten Schrankfach lag und langsam auftaute.

 

 

ã Dietrich – 21.01.02