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Lose Blätter


 

Brandstiftung

In der Leere
der Nacht
glüht
die Haut
noch einmal
im fiebrigen Ohr
der Schrei
einer Katze
flackernde Bilder
hinter geschlossenem Lid
brennt
der Traum
wie Zunder

 

 


 

Brandstiftung II

Züngelnd
Feuer
ans Ohr
gelegt
Brandsätze
auf wehrlosem Hals
springen über
sengende Finger
in tiefste Haut
und wieder
steht
lodernd
die Nacht
in Flammen

 

 


 

 

Veränderung

Wie soll ich
je wieder
Hand sagen
Mund
Haut
jetzt
da die Worte
anders klingen
maßlos und wild
als stürzten sie
aus der Nacht

 

 


 

 

Manchmal

wenn nur das Dunkel
zwischen mir
und deinem Atem,
zünden wir
uns einen Traum an;
dann fällt der Blick durch
die gemalten Fensterscheiben,
die Welt wird reich,
so unermesslich weit -
und auch die Zeit
dehnt riesig sich
in deinen kleinen Händen.  

 

 


 

 

November

Unter der Last
des Nebels
stolpert der Tag
über den See davon
und vor meinem Gesicht
hängt im erfrorenen Grau
dein Atem
Starr steht das Schilf
und still
Nur meine Hände
flattern
wie zwei Vögel
in deiner Manteltasche
Komm
Gib mir den Sommer zurück

 

 


 

 

Berge

Hier lebt die Erde leiser.
Die Bäume gehorchen dem Wind
und küssen gebückt den Boden.
Und wenn die Nacht hinabfällt
wie in einen Brunnen, kann man
ganz nahe am Rand sitzend
in geduldigen Momenten
ein versunkenes Licht angeln.

 

 


 

 

Orientierung

Silbrig grau sind die Weiden
an das Ufer gelehnt und
die Luft ist so heiß,
dass selbst der See
den Wunsch hat zu schlafen -
wie du neben mir
auf der bunt karierten Decke
mit sonnendurchflatterten Schatten im Haar.
Und wenn du ab und zu
in deinem Buch blätterst,
finde ich plötzlich die Mitte,
hier -
neben dir.

 

 


 

 

Nächtliche Momentaufnahme II


Wenn nichts als Schwärze
zwischen uns
gehen die Worte
auf  Zehenspitzen
hin und her

 

Bis Worte und Körper
in gleicher Wärme
hautnah sich
aneinander legen

 

Dann spricht nur die Stille
und draußen
rütteln die Schatten
vergebens am Fenster

 

 


 

Nächtliche Momentaufnahme

Über dem See leuchten
die Kontinente des Himmels.

Wir rücken zusammen,
wo der Steg ans All gelehnt,
sehen Sterne sich lösen,
Sternschnuppen
den Himmel durchstreifen
und ahnen,
dass ihr Fallen
im unermesslichen Ganzen
dem unseren gleicht.

Sternbildfern streicheln wir
uns unsere Einsamkeit
und tauchen tief
in die Stille hinein.

 


 

Für eine Nacht nur

Mit dir reisen
im sanften Pochen
deines Pulsschlags.

Deinen Händen folgen,
die so viele Geschichten
in mein Gesicht schreiben.

Der Spur der Fingerkuppen folgen,
ihren verschlungenen Wegen
durch das Honigwabenlabyrinth.

Und ankommen
in dem dreieckigen Land,
aus dem kein Kiesel,
kein Silberfaden
uns den Rückweg zeigt.

Für eine Nacht nur
der Zeit
den kalten Atem nehmen.  

 

 


 

 

Morgenlicht

Schlaflose Lippen
streifen das Ufergras

Und Frauenfinger
flattern zehnfach über
nachtfeuchte Weiden

Ein Fetzen Licht
auf dem Spiegel des Sees
fegt den Sternstaub
von deiner Stirn

Noch einmal
streift mich die heiße Wange

Ich bin wie wild
der Wahrheit nahe


 


 



Entschlüsselung

Am Horizont
döst die Sonne;
auf dem Steg hocken
still die Möwen
und Wasserspinnen kritzeln
unverständliche Hieroglyphen
auf den Spiegel des Sees.

Du streckst deine Füße
ins Wasser und wartest gelassen
wie die reglosen Möwen
auf das sinkende Licht,
denn um mich zu entziffern
braucht es nichts
als die langsame Zärtlichkeit
deiner Hände.

 

 


 


Das Meer

streckt seine Wasserzunge
und singt ein Lied
aus Sand und Salz,
das der Stille gleicht.

Mit den Fischen
seufzt der Wind
und die Nacht
trägt Frauenhaar,
schwarz und
feucht von Schaum
und Speichel.
Der Wind
fliegt vogelgleich,
die Luft
hat Feuerfahnen,
ein Schaudern
und ein Beben.

Spät erst
im Sternensplitterregen
stirbt der Wind
in deiner Stimme
und webt
mit dem Faden
der Erschöpfung
unser Schweigen.

 

 





Morgendliche Gewissheit

Noch ist der Tag ohne Namen,
lichtlos der Raum.
Nur die schlafenden Zypressen
stehen aufrecht und still.

Da sehe ich dich wieder,
am Strand sitzend,
gelassen wie die uralten Felsen,
deren Schatten uns trifft.

Du bewegst dich wortlos
auf der anderen Seite der Nacht
und kein Traumland,
kein Trugbild trennt uns.

 

 


 



Der Morgen am See

 

Wenn du jetzt nicht mehr schläfst,
dann legt die Morgendämmerung
glitzernde Perlen auf deine Augen.


Perlen für die eingeflochtnen Tränen,
all die verbotenen Küsse und
trunkenen Träume.


Morgens zwischen fünf und sechs,
zwischen Wasser und Morgennebel -
für diesen Traum lohnt sich alles.


 

 



 

 

 


 

Du und Ich

Als die Nacht
über die Wälder wuchs
entfalteten wir
unsere Flügel
und flogen fort
wie Libellen
im Liebesflug
über den Fluss
zu fernen Galaxien
wo man auf den Sternen
schlafen kann

 

 


 

 

 

Ich atme dich
in mir
Du atmest uns
zu einem Flügelschlag
Zerbrechlich
gaukeln wir
zum Inselherz

 

 

 


 

 

Erwachen

Mit Lichtgeschwindigkeit
strömst du durch den Spalt des Horizonts
und kappst die Wurzeln der Träume.

Mit einem Fuß im Morgen,
der andere noch im Dunkel -
gestemmt gegen den Rücken der Nacht,
lösen sich Vergangenheit und Zukunft.

Noch liegen meine Gedanken
wie Traumperlen auf deinem Gesicht,
dann fallen sie in der Morgenbrise
dem Tag entgegen.

 

 


 

 

Am See

An der windschiefen Weide
endet der Weg.
Und dein Bild
verschwimmt
im sinkenden Licht.
Noch zögert die Nacht,
unschlüssig schwankend
wie das Schilf.
Und die Erinnerung
lehrt mich fliegen.

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

Wenn sich als müdes Lid

die Nacht über den Tag legt,

schicke ich dir meine letzten Gedanken

auf trunkenen Schwingen, damit nicht

Unbekanntes in deinen Träumen sei.

 

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

Herbst

Strohblondes Haar
trägt der Wind
streut gelbe Pfeile
auf den Weg
Füße versinken
in flüchtiger Farbe  

Im erregten Blätterwirbel
streift weißhaarig
der Wolf
durch die Wälder
und wittert
einen Hauch
Leben

 

 

 



 



Mit nichts

Zwischen den Büchern

Fand ich ein paar Gedichte von ihr

Als sie längst fort war

Kommen und Gehen schienen

Weder Ende noch Anfang

Doch jetzt -

Wie soll ich wieder beginnen zu leben

Mit nichts und ein paar Gedichten 

 

 

 




 

 



Traumreise  

 

Der Geruch deines Haares 
in der Kälte der Nacht
trägt uns nach Süden - 
vermengt sich mit Akazien,
Hibiskus und den Blüten 
der Zitronenbäume.


Wir durchwandern 
den Nebel der Wälder,
überqueren kahle Steppen, 
endlose Steinwüsten und fliegen 
über die Weiten des Meeres.  

 

Traurig wäre die Welt 
auf der endlosen Reise
in die fernen Galaxien, 
in die unbewohnten Nächte,
begleitete mich nicht 
in meinen Träumen
der Duft deines Haares.

(27.04.02)


 



 



Lautlose Zeichen

 

Sprich den Zauberspruch,

der die Nacht zusammennäht

mit blauem Haar,

und öffne die Wolkenfenster,

dass die geschriebenen Worte fliegen

zu dem gläsernen Turm

und deine Haut bedecken

mit lautlosen Zeichen -

mit Feuer und Mohn.

 

 

 




 

 



Der Feuerfalter

 

Der eine Abend -

dein lodernder Kamin,

Flammen wie tanzende

Flügel des Feuerfalters,

flüsternde Stimmen und

rastlose Blicke ins Feuer.

 

Noch heute gaukeln

in ruhlosen Nächten

versprengt rote Flügel

auf schneeverwehtem Feld -

dann lässt der Wind sie tanzen,

zu einer Musik - 
die keine Worte kennt.

 

 




 

 

 


Regen

 

Die Weise,
wie der Regen
gleich Tränen
in silbriger Spur
am Fenster zerrann,
hat mir den Teil
des Tages gerettet,
der mich schon reute.

 

 

 





 



Der Steg II

 

Schläfrig legt sich

im schwankenden Schilf

der Abend zur Nacht

ausgestreckt ... müde

neben dir und mir

auf dem Steg am See

zwischen Wolken und Wasser

erhitzte Körper im Wind

besänftigt von schlanken Fingern

und flüsternden Stimmen

trägt uns das Schilf

rastlos und sacht

in endlosen Wogen

durch schlaflose Nacht











Wo warst du, Heimat?

 

 

Vielleicht in dem Garten,

wo im Sommer das Gras bis über den Kopfe wuchs

und Freiheit und Träume blühten wie Löwenzahn

zwischen Liguster und Buchs.

 

Vielleicht in dem Park,

wo im Frühling die Gräser vom Südwind erregt

und nun der Mohn von der Sonne versengt

sich wie Trauerflor zu den Kornblumen legt.

 

Vielleicht an der  Küste,

wo der Strand von Felsen und Pinien verdeckt

und die Gedanken allein inmitten des Schweigens

und die Freiheit nach etwas Bitterem schmeckt.

 

Oder doch in dem Haus,

das so verwaist an den Hügel gelehnt

und an dessen Tür ich oft klopfe,

als wär ich ein Fremder.

 

Müde der Träume von endlosen Reisen

klopfe ich, ohne etwas zu sehen,

weißhaarig an ein erkaltetes Herz.

 

(10.03.02)



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